Der Fotograf Henrik Spohler

Henrik Spohler begann im Jahr 2000 die moderne wirtschaftliche Globalisierung und ihre Auswirkungen auf Gesellschaft und Umwelt in seinen Fotografien zu untersuchen. Er erarbeitete einen Zyklus umfangreicher fotografischer Langzeitstudien. Sie behandeln die technischen Infrastrukturen eines neu entstehenden Informationszeitalters, die veränderte Arbeitswelt in der zunehmend automatisierten Industrieproduktion, die Folgen industrieller Landwirtschaft, die Knotenpunkte des weltweiten Handels oder die Grundlagenforschung als Motor für zukünftigen Fortschritt. Das neueste Fotoprojekt "Tomorrow Is the Question" zeigt modernste Technologien in Industrie und Angewandter Forschung und widmet sich mit einer eigenen Serie zu Humanoiden Robotern dem Verschmelzen von Mensch und Maschine.

Zu den Serien des Werkzyklus:

0/1 Dataflow (2000–01) 
Das Fotoprojekt thematisiert die verborgene Infrastruktur des Internets. Die Fotografien offenbaren eine monotone Technik, die uns weltweit verbindet: normgleiche Serverschränke in menschenleeren Räumen bilden die Rückseite der noch jungen Informationsgesellschaft. William Gibsons „Cyberspace" erstrahlt auf Henrik Spohlers Fotografien in gleißend hellem Kunstlicht.

„Global Soul“ (2002–2008)
Sechs Jahre fotografierte Henrik Spohler modernste Produktionsstätten, an denen all das entsteht, nachdem unsere moderne Zivilisation verlangt: Computerchips, Autos, Medikamente, Flugzeuge oder Fertigpizza. Spohlers Bilder vermitteln den Eindruck einer imaginären Megafabrik, die überall auf der Welt stehen und jedes Produkt herstellen könnte. Die Fotos erzählen von vollautomatisierten, hochprofitablen Produktionslinien, in denen arbeitende Menschen zu Randfiguren werden. Ist das die globale Seele eines neuen Industriezeitalters?

„The Third Day“ (2010–11) 
Der Projekttitel spielt auf den dritten Schöpfungstag an. Henrik Spohler thematisiert jedoch das monetäre Verhältnis zwischen Mensch und Flora. Welche Spezies entstehen in Forschungslaboren, wenn der Mensch immer profitablere Nutzpflanzen züchtet und durch den Einsatz von Gentechnik selbst zum Schöpfer wird? Welche Landschaften entstehen durch endlos erscheinende Monokulturen unter freiem Himmel in Kalifornien oder durch Gewächshäuser in Spanien oder den Niederlanden? Die Fotografien zeigen die Kehrseite der paradiesischen Zuständen im Supermarkt mit einem ganzjährigen Obst- und Gemüseangebot aus aller Welt.

„In Between“ (2013–15)
Wie kann man den Welthandel in Bilder fassen? Henrik Spohler verschafft sich Zugang zu den verborgenen Infrastrukturen globaler Warenströme: Frachtareale von Flughäfen, Gleislabyrinthe großer Verschiebebahnhöfe, Lagerhallen internationaler Speditionen, Containerterminals der Seehäfen. Seine Aufnahmen aus sechs Ländern zeigen auf Effizienz getrimmte Sonderzonen, die eine eigene Ästhetik haben – zwischen klarer Struktur, meditativer Monotonie und einem Gigantismus, der menschliches Vorstellungsvermögen übersteigt. Diese Orte sind jeder Individualität beraubt; ob Europa oder Asien, lässt sich kaum unterscheiden. Hier hat die Konsumgesellschaft ein namenloses Reich reiner Funktionalität geschaffen, das die Geschwindigkeit des heutigen Welthandels erst ermöglicht: T-Shirts aus Taiwan, Wein aus Australien – heute bestellt und morgen geliefert. 

„Hypothesis“ (2017–19) 
Die Natur­wis­sen­schaft­li­che Grund­la­gen­for­schung ent­zieht sich oft unse­rer Vor­stel­lung. Dabei ist die stete Suche nach immer neuer Erkennt­nis die Basis für unse­ren Fort­schritt von morgen. Seit der Auf­klä­rung bil­de­ten natur­wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nisse das Fun­da­ment für die Indus­tria­li­sie­rung und die moderne Gesell­schaft. Die Grund­la­gen­for­schung von heute wirkt wie ein Per­pe­tuum Mobile für immer neues Wissen, das später in der Ange­wand­ten For­schung in kon­krete Inno­va­tio­nen umge­setzt wird. Am Ende dieser Kette stehen Tech­no­lo­gien wie zum Bei­spiel das Inter­net, die unsere Gesell­schaft grund­le­gend ver­än­dern können. Henrik Spohlers Foto­pro­jekt the­ma­ti­siert Wis­sen­schaft und For­schung und stellt Fragen nach unse­rem Ver­hält­nis zu Natur und Umwelt. Die Fotografien sind in vier Kapitel unterteilt und zeigen Forschungen zu Zeit, Raum, Materie und Leben.

„Tomorrow Is the Question“ (2023–25) 
Nach einer Zeit inten­si­ver wirt­schaft­li­cher Glo­ba­li­sie­rung und digi­ta­ler Ver­net­zung steht unsere Zivi­li­sa­tion tech­nisch und gesell­schaft­lich vor grund­le­gen­den Ver­än­de­run­gen. In naher Zukunft werden sich Mensch, Maschine und Umwelt inten­si­ver ver­bin­den als je zuvor. Selbst­ler­nende maschi­nelle Sys­teme, die der men­sch­li­chen Kogni­tion nach­emp­fun­den sind, werden dabei kom­plexe Berei­che über­neh­men: Von der indus­tri­el­len Pro­duk­tion und Infra­struk­tur bis zum sozia­len Zusam­men­le­ben.
Die gesell­schaft­li­chen Folgen dieses dyna­mi­schen Wan­dels sind nicht abseh­bar. „To­mor­row is the Ques­tion” widmet sich dieser spe­ku­la­ti­ven Zukunft. Das Pro­jekt ist in zwei Kapi­tel unter­teilt: Die erste Foto­se­rie zeigt Orte und Anla­gen, die mit den großen tech­no­lo­gi­schen Fragen an der Schwelle zur Zukunft ver­bun­den sind. Hier­bei werden Themen wie Digi­ta­li­sie­rung, Maschi­nel­les Lernen, Künst­li­che Intel­li­genz, Quan­ten­rech­ner, vir­tu­elle Rea­li­tä­ten, zukünf­tige Nah­rungs­mit­tel­pro­duk­tion, Mobi­li­tät, Dekar­bo­ni­sie­rung oder der Ver­lust men­sch­li­cher Arbeit in der Indus­trie­pro­duk­tion behan­delt. Das zweite Kapi­tel besteht aus einer typo­lo­gi­schen Foto­se­rie von Huma­noi­den Robo­tern und unter­sucht, welche mecha­ni­schen Krea­tu­ren die men­sch­li­che Hybris her­vor­bringt.

Henrik Spohler (*1965) studierte an der Folkwang Schule/Hochschule in Essen und arbeitet seit 1992 als freischaffender Fotograf. Für seine Arbeiten erhielt er zahlreiche Auszeichnungen; seine Werke befinden sich in öffentlichen und privaten Sammlungen. Seine Fotografien wurden in sechs Monografien sowie in mehreren Anthologien veröffentlicht. Seit 2009 ist Henrik Spohler Professor an der HTW (Hochschule für Technik und Wirtschaft) in Berlin und lehrt Fotografie im Studiengang Kommunikationsdesign. Er lebt in Berlin.

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