Angegriffene AVUS-Negative

Angegriffene AVUS-Negative

OBJEKT DES MONATS AUGUST 2025

Das Essigsäure-Syndrom ist in dieser Rubrik ein alter Bekannter. Bei vier Planfilmnegativen, die wir kürzlich gefunden haben, äußert sich der Zerfallsprozess auf eine bemerkenswerte Art. Die weißen Blitze, die sich durch die Ablösung des Trägermaterials gebildet haben, betten das Motiv mit den Rennwagen auf der AVUS in eine fast comichafte Inszenierung ein.

Negativ von einer Modeaufnahme von F.C. Gundlachs auf der Avus

Die Negative stammen aus dem Archiv von F.C. Gundlach und zeigen, wie empfindlich fotografisches Material auf Umwelteinflüsse reagiert. Die Oberfläche ist von einem Netz feiner, weißlicher Linien überzogen – ein typisches Zeichen für die Zersetzung des Trägermaterials und bei Acetatfilmen keine Seltenheit. Ursache sind chemische Reaktionen, die durch Feuchtigkeit, Temperaturschwankungen oder ungeeignete Lagerbedingungen beschleunigt werden. Der Prozess lässt sich kaum aufhalten – aber durch die sachgerechte Archivierung in unserem klimatisierten Depot verlangsamen.

Negativ von einer Modeaufnahme von F.C. Gundlachs auf der Avus

Die Negative stammen aus einer Serie, die im Modeheft für Frühling und Sommer 1956 der Zeitschrift Film und Frau erschien. Die Models tragen Hosenanzüge aus elastischem Wollstoff von Staebe-Seger, die mit einem erstaunlich avancierten programmatischen Text beworben werden: "Die Frau will nicht mehr nur gefallen, sie will vor allem in ihrer Haut – und im Bereich der Zivilisation ist das Kleid ein Teil von ihr – wohl, aktionsfähig und sicher fühlen. Denn das Leben trägt sie ja gewissermaßen nicht immer auf Händen, es fordert von ihr Entscheidungen, rückt sie rücksichtslos in den Blickpunkt der Öffentlichkeit, rangiert sie ein, ohne ihr eine Sonderstellung zu gewähren – kurz, es verlangt nicht in erster Linie ihren Charme, sondern ihre Persönlichkeit".